Kranke schöpfen Hoffnung im Kloster
Arzt Dr. Volker Eissing aus Papenburg reist mit Palliativpatienten nach Brenkhausen
(© Westfalen-Blatt vom 14. August 2026)
Von Sabine Robrecht
BRENKHAUSEN (WB). Wenn einer der letzten Wege eines irdischen Lebens ins Kloster Brenkhausen führt, dann schöpft der dem Tode nahe Mensch im Sinne des Psalms vom guten Hirten ein Vertrauen auf die Ewigkeit. Denn dieser Ort strahlt Frieden und Hoffnung aus.
Die spirituelle Grundstimmung des koptisch-orthodoxen Klosters bringt im Innern eines Menschen den berühmten Psalm 23 zur Entfaltung: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser.“ Das Gottvertrauen eines der nächsten Verse wird dank der Warmherzigkeit, der Gastfreundschaft und der Glaubenstiefe der Gemeinschaft um Metropolit Anba Damian zur Kraftquelle: „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir.“
Dieser gute Geist bietet beste Voraussetzungen, um schwer und schwerst erkrankte Menschen aus dem Alltag und der Bedrohlichkeit ihres Leidens heraus zu einem Hoffnungsanker zu führen. Deshalb pilgert der Palliativmediziner und Hausarzt Dr. Volker Eissing aus Papenburg jedes Jahr mit einer Gruppe Patientinnen und Patienten zum Kloster im Herzen des Schelpedorfs.
„Den Weg an das Wasser des Jordans gehen und darauf vertrauen, dass wir am anderen Ufer erwartet werden“: In dieser friedvollen Vision, gespeist aus dem Urgrund des Glaubens, wollen Dr. Eissing und der katholische Pfarrer Ludger Pöttering die Mitreisenden während der Auszeit in Brenkhausen bestärken. Der für einige nicht mehr weit entfernte Tod wird also nicht verdrängt, sondern bewusst in den Blick genommen. Damit er seinen Schrecken verliert, richten die Gottesdienste, Gebete und Meditationsandachten den Fokus auf die Ewigkeit. Das Fortbestehen des Lebens in dieser Dimension Gottes weitet die Sicht über die irdische Zeit hinaus aus.
„Der Mensch ist ein Ebenbild Gottes und nicht nur die Summe von Systemen und Organen“: In dieser Grundeinstellung stimmen Dr. Eissing und Metropolit Anba Damian, der selber auch Arzt ist, zu 100 Prozent überein. Der hohe Würdenträger empfing die etwa 45 Gäste aus dem Großraum Papenburg zum nunmehr achten Mal mit großer Freude.
Als sie am sonnigen dritten Tag ihrer Auszeit von einem Stück Weg entlang der Weser zurückkehrten, standen unter schattenspendenden Bäumen Tische bereit. Die weißen Decken wehten ein wenig im frischen Sommerwind. Aus dem Garten des Klosters – er ist der ganze Stolz des Bischofs – luden frisch zubereitetes Gemüse und Obst zusammen mit regionalen Fleischspezialitäten zu einem köstlichen Mittagessen ein.
Gelöst wirkten die Menschen, als sie Platz nahmen. Auch wenn die Zeit im Kloster dazu diente, sich auf die Ewigkeit vorzubereiten. Dieser Weg im Angesicht der eigenen irdischen Endlichkeit war für die Pilger in jener sommerlichen Mittagsstunde aber mit weniger Unbehagen verbunden, weil sie auf Anregung von Dr. Eissing gerade einigen tiefgründigen Fragen nachgegangen waren: „Woher komme ich und wohin gehe ich?“ „Wer war Leuchtturm in meinem Leben?“ „Wer war Weichensteller?“ „Wer hat mich gehalten?“ Und umgekehrt: „Wen habe ich gehalten?“
Diesen Gedanken nachzuspüren, führt automatisch dazu, das Leben zu reflektieren – getragen von der Gemeinschaft, vom Glauben und vom Vertrauen. Dr. Eissing regte die Menschen aufbauend auf ihren Reflexionen dazu an, ihren persönlichen Weichenstellern zu schreiben. Postkarten zum Ausfüllen lagen dazu bereit. Die Initiative hat den Hintergrund, dass Menschen oft gar nicht wissen, welche wegweisende Rolle sie im Leben eines anderen gespielt haben. Vielleicht mag man Wegbegleitern vor dem Tod noch etwas sagen. Jemandem danken oder um Verzeihung bitten.
Bei solch einer Bestandsaufnahme fließen natürlich immer auch Tränen. Denn trotz aller Hoffnung ist das Loslassen schmerzhaft. Daher gehören Tränen dazu. Für sie ist Zeit und Raum. Inspiriert von der Pilgerfahrt kann der Abschied vom irdischen Leben aber dennoch leichter fallen – weil Teilnehmende sich vornehmen, Unausgesprochenes in Wort zu bringen. Und weil das Vertrauen auf ein Ankommen in der Ewigkeit Gottes gewachsen ist.
„Hörbar“ hatten Dr. Eissing und Pfarrer Pöttering die Fahrt 2026 überschrieben. Unterwegs an der Weser lauschten die Pilger dem, was der Fluss zu erzählen hat. Fortwährend. Beständig. Gefühlt ewig. „Wer eine Weile neben ihm hergeht, hört mehr als Wasser.“ Und empfindet die Schöpfung vielleicht als den „Ruheplatz am Wasser“ aus dem Psalm vom guten Hirten.
Dieser Impuls ist einer von vielen an den fünf „intensiven Tagen mit Gott“, so Bischof Damian. Dem hohen Geistlichen ist der Mediziner aus Papenburg so sehr ans Herz gewachsen, dass er ein neu angebautes Büro im Südflügel des Klosters nach ihm benannt hat.
Die große Wertschätzung freut Dr. Eissing – wobei er seine Person überhaupt nicht in den Vordergrund stellen will. Für seinen Standpunkt kämpft er aber beharrlich: Ein kranker Mensch hat es verdient, ganzheitlich betrachtet zu werden. Gerade die palliative Betreuung „kann man nur dann vernünftig machen, wenn man auch eine Botschaft für danach hat. Ansonsten würden wir mit leeren Händen dastehen“.
Diese Überzeugung setzt der 65-Jährige auch in seiner Großpraxis, dem medizinischen Versorgungszentrum Birkenallee mit 135 medizinischen Fachangestellten, um. Zehn Fachkräfte kümmern sich allein um die Palliativpatienten. Die Chefin unter ihnen, Bea Sancak, war in Brenkhausen dabei. Den Physician Assistants, die er in seiner Praxis beschäftigt und praxisnah ausbildet, vermittle er natürlich die Maßgabe der professionellen Distanz zu den Patienten, sagt Volker Eissing. Seine ganz eigene Maxime gebe er ihnen aber auch mit auf den Weg: „Nur wenn man diese Distanz nicht hält, ist man wirklich gut.“ Das Emotionale dürfe nicht auf der Strecke bleiben. Weil der Mensch eben mehr ist als die Summe organischer Systeme.
In diesem Sinne hofft der Mediziner, dass die Pilgerfahrt nach Brenkhausen auch in diesem Jahr bei den Teilnehmenden nachklingt – so wie es in den Vorjahren der Fall war. Immer wieder haben Dr. Eissing und sein Team es erlebt, dass Menschen die selbst gebastelten Holzscheiben aus dem Kloster auf dem Nachtschrank oder beim Sterben sogar in den Händen hielten.
Diese kleinen Holzscheiben haben die Pilgerinnen und Pilger auch jetzt wieder gebastelt und mitgenommen. Handlich sind sie. Beschriftet mit nur einem Wort: „Weg“.
Vielleicht führt dieser Weg sie im nächsten Jahr noch einmal ins beschauliche Brenkhausen. Vielleicht haben die Gastgeber um Metropolit Anba Damian aber auch einige von ihnen zum letzten Mal gesehen. Was sie dabei haben werden auf ihrem Weg – auch auf dem letzten – ist Hoffnung. Und eine kleine Holzscheibe, die wie eine E-Ladesäule das Vertrauen bekräftigt, nicht allein, sondern von Gott begleitet zu sein.


